Wieso sollte man Heimwegtelefon anrufen, wenn man sich auf dem Nachhauseweg unwohl fühlt?

Es geht in erster Linie darum, Sicherheit zu schenken. Durch ein nettes Gespräch hat der Anrufer das Gefühl, nicht alleine nach Hause zu gehen. Dadurch fühlt er sich nicht nur wohler, sondern strahlt auch eine größere Sicherheit aus. Das kann im besten Fall zu einer Vermeidung von Überfällen beitragen, weil man aus der typischen Opferrolle herauskommt. Käme es dennoch tatsächlich zu einem Übergriff, hätte Heimwegtelefon den Vorteil direkt handeln und die Polizei einschalten zu können .

Hattet ihr denn mal ein Erlebnis, das euch dazu bewogen hat, sowas auf die Beine zu stellen?

Selbst ohne negatives Erlebnis rufen wir nachts Freunde und Familie an, weil wir uns dann sicherer und nicht so allein fühlen.

Wollt ihr damit Geld verdienen?

Wir wollen damit kein Geld verdienen. Heimwegtelefon soll ein soziales Projekt bleiben, bei dem das persönliche Gespräch im Vordergrund steht! Aktuell gibt es das Telefon sonntags bis donnerstags von 20-24 Uhr und freitags und samstags von 22 bis 4 Uhr. Jeder ehrenamtlicher Helfer macht so oft Dienst, wie es ihm zeitlich möglich ist.

Wie kann man mitmachen und unterstützen?

Ehrenamtlich. Wir suchen immer ehrenamtliche Helfer, die uns am Telefon unterstützen, unter helfen(at)heimwegtelefon.net kann man sich bewerben. Außerdem benötigen wir Spenden, um das Projekt am Laufen zu halten. Ideal wäre es, wenn wir Sponsoren hätten und regelmäßige Spender. Zusätzlich kann man uns natürlich mit Wissen, Mundpropaganda oder dem eigenen Netzwerk unterstützen.

Wie entstand die Idee zu dem Projekt?

Die Idee kam Frances und Anabell in den Niederlanden, wo sie gemeinsam gearbeitet haben. Sie standen am Kaffeeautomaten, als Anabells Handy klingelte. Es hat aber niemand angerufen, sie kam nur auf einen Taste, die einen „gefälschten” Anruf auslöste. Die beiden haben festgestellt, dass sie immer unsere Eltern oder Freunde anrufen, wenn wir auf dem Heimweg sind. Anabell hat in Schweden eine Hotline kennengelernt, bei der ehrenamtliche Helfer direkt bei der Polizei sitzen, um Leute telefonisch nach Hause zu begleiten. Beide fanden es schade, dass es so etwas bei uns nicht gibt. Anstatt darüber zu meckern, haben sie dann einfach beschlossen, selbst diesen Service anzubieten.

Wie funktioniert das Heimwegtelefon?

Der Anrufer ruft unsere Berliner Festnetznummer an. Das heißt für den Anrufer entstehen nur die Gebühren für einen gewöhnlichen Anruf vom Handy zum Festnetz. Da viele eine Flatrate am Handy nutzen, kostet es in diesem Fall gar nichts extra.
Wir melden uns und stellen uns kurz vor, damit der Anrufer weiß mit wem er spricht. Dann fragen wir, wer am anderen Ende der Leitung ist. Nun möchten wir wissen, wo der Anrufer startet und wohin es geht. Anschließend plaudern wir nett und fragen zwischendurch immer mal wieder den aktuellen Ort ab – bis der Anrufer das Ziel erreicht hat.
An unserem Ende der Leitung sind freiwillige Helfer. Jeder Helfer benötigt eine Internetverbindung und einen Computer mit Mikrofon und Lautsprecher, es wird über eine Call-Center Software telefoniert.

Wie war bisher die Resonanz auf eurer Projekt?

Sehr positiv. Wir haben jede Menge positive Rückmeldung erhalten von Leuten, die das Heimwegtelefon benutzen und von Personen, die gerne mithelfen möchten. Die Medien sind begeistert von unserem Projekt. Wir haben aber auch schon kritisches Feedback erhalten. So wurde etwa kritisiert, dass unsere Initiative den Leuten, vor allem Frauen, den Eindruck vermittelt, sie müssten nachts auf dem Nachhauseweg Angst haben. Darum geht es uns aber keinesfalls. Wir wollen keine unnötige Angst schüren oder Dinge dramatisieren. Es geht einfach darum, dass uns jeder anrufen kann, weil er das Bedürfnis hat, auf dem Heimweg mit jemandem zu sprechen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Anrufer sich sicher fühlen.

Wie viele Anrufe habt ihr bis jetzt erhalten?

Zur Zeit bekommen wir pro Nacht etwa 15 Anrufe. Wobei das nach Wochentag, Wetter und Jahreszeit stark variiert.

Was ist euer Antrieb?

Die Motivation dafür bekommen wir vor allem durch die vielen positiven Rückmeldungen. Es haben sich schon ganz viele Leute gemeldet, die helfen wollen. Wenn wir uns eine Welt mit einem besseren Miteinander wünschen, muss es Menschen geben, die Dinge anpacken und etwas dafür tun. Wir möchte Leuten helfen, nachts mit einem besseren Gefühl durch die Stadt zu kommen.

Und wie viel kostet ein Anruf?

Jetzt am Anfang noch so viel wie ein ganz normaler Anruf ins Festnetz. Viele haben dafür ja mittlerweile eine Flatrate. Wenn das Projekt gut läuft, wollen wir uns langfristig um eine kostenfreie 0800-Nummer bemühen.